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...bei jedem Angstpatienten liegt ein anderer Auslöser/Hintergrund vor. Daher stellen wir für Sie nach und nach einige Angst-Biographien ein. Die Geschichten werden der Anonymität wegen ohne Namensnennung veröffentlicht. Bitte haben Sie dafür Verständnis. Wir erhoffen uns mit der Veröffentlichung, dass einige Betroffene sich in den Biographien evtl. wieder finden bzw. möchten wir durch sie mehr Verständnis wecken. Und nun... es geht los mit der ersten Biographie, die die Überschrift trägt...

Meine Angstgefühle wollten mir etwas sagen...

...,denn Angst begleitet mich schon seit Kindesbeinen an. Meine angeborene Muskelschwäche ist meiner Meinung nach die wesentliche Ursache dafür. In meinen ersten zwei prägenden Lebensjahren bin ich durchgehend im Krankenhaus gewesen. Meine Muskelschwäche lässt sich am folgenden Beispiel gut darstellen. Vernachlässige ich meinen Sport, ist die Wahrscheinlichkeit hinzufallen, sehr groß. Meine gesamte Muskulatur ist davon betroffen und sie zeichnet sich auch in einer etwas anderen Gangart ab, die ich manchmal noch heute schwer akzeptiere. Auch im Sprachzentrum befinden sich Muskeln und aufgrund dessen bin ich von meinem 7,5. bis zum 11. Lebensjahr in einem Internat für sprachgestörte Kinder gewesen. In der Zeit war ich nur am Wochenende bei meiner Familie zu Hause. Habe durchweg positive Erinnerungen an die Zeit in dem von Natur umgebenen Internat, aber die Trennung von zu Hause barg auch viele Ängste.

Danach bin ich in die 4. Schulklasse der Nachbargemeinde gekommen und dort haben sich zu 95 % nichtbehinderte Kinder befunden, was zur Folge hatte, dass ich aufgrund meiner noch etwas vorhandenen Sprachbehinderung von einigen Mitschülern gehänselt wurde. Der Übergang vom Internat zur staatlichen Schule war für mich ein großer Einschnitt und es machten sich wieder Ängste in mir breit. 

Nach der Schule habe ich eine kaufmännische Lehre begonnen. Unsere Ausbilderin war eine strenge Frau und sie setzte sehr hohe und übertriebene Maßstäbe an die Auszubildenden. Somit waren meine 2 Ausbildungsjahre wieder mit vielen Ängsten besetzt. Schon morgens bin ich mit Bauchweh zur Arbeit gefahren. Meine Angst brachte mich sogar dazu, zu überlegen, die Ausbildung abzubrechen. Mit energischem Zuspruch meiner Mutter habe ich die Ausbildung beendet. 

Die Vorgeschichte war nötig, um die Entstehung und Beibehaltung meiner Ängste anschaulich darzulegen. Vor 18 Jahren war nun die auslösende Situation für meine Reizdarmbeschwerden. Nach einem Restaurantbesuch habe ich sehr starken Durchfall bekommen und ich machte mir in die Hose. Die Situation hat mich sozusagen in Angst und Schrecken versetzt. Ich verlor innerhalb weniger Minuten die Kontrolle über meinen Körper – was für mich als perfektionistischen Menschen ein Graus war. Meine Muskelschwäche hat mich stets dazu veranlasst, vorsichtig mit meinem Körper umzugehen, um wie erwähnt, z. B. nicht hinzufallen. 

In der erwähnten Situation hat sich, so habe ich es Jahre später in meiner Therapie begriffen, ein Schalter in meinem Kopf umgestellt. Anfangs war ich in Sorge, dass mir so ein Malheur immer wieder passieren kann und später wuchs sich meine Sorge zu einer Angsterkrankung aus. Mich versetzte die morgendliche Autofahrt zur Arbeit, das Schlangestehen im Supermarkt, das Wahrnehmen von Terminen jeglicher Art in Angst. Es könnte mir doch immer und überall wieder so eine peinliche Situation passieren, so mein Gedanke. Betrat ich z. B. das Foyer eines Kinos, so wanderten meine Augen zu den Örtlichkeiten. Stets war ich auf der Suche, festzustellen, wo sich die Toiletten befinden. Auch habe ich mich im Kino, um bei dem Beispiel zu bleiben, stets am Rand in der Nähe des Gangs gesetzt, um schnell zur Toilette zu gelangen. Die Kombination von meinen Reizdarmbeschwerden wie Durchfall, plötzlicher Stuhldrang und meine Angst, nicht rechtzeitig die Toilette zu erreichen, führten dazu, dass ich mich immer mehr vom Sozialleben abkapselte. Parallel gesellte sich eine Depression dazu, weil ich sehr verzweifelt über meine Angstgedanken und meine Beschwerden war. 

Nach Jahren und einer erneuten Angstattacke während eines Vortragsbesuches gab mir mein Mann den Rat, einen Therapeuten aufzusuchen. Nach anfänglichem Zögern habe ich mir eine Überweisung von meinem Hausarzt geholt und fing meine 1,5jährige Angsttherapie an. Mein Therapeut hat mir sehr gut helfen können. Anfangs bekam ich viele Informationen zu dem Thema Angst – was ist Angst? – gibt es auch natürliche Ängste? - usw. Danach haben wir eine hierarchische Liste mit Orten/Situationen aufgestellt, die mir sehr viel Angst bereiten. Diese Liste haben wir im Laufe der Therapie abgearbeitet, in dem ich beispielsweise sehr oft ins Kino gegangen bin, allein mit dem Bus fahren musste uvm. Die Übungen haben mir sehr viele positive Erfahrungen beschert und im Laufe der Zeit habe ich meine fehlgeleiteten Gedanken wieder ins Positive rücken können. Viele Gespräche, aber auch das Hinterfragen meines Therapeuten haben mich dazu gebracht, ein weniger angstbesetztes Leben zu führen. Selbstverständlich gab es auch Rückschläge, aber die spornten mich nur an, die jeweilige Situation bzw. mein Verhaltensmuster zu überdenken und auch dabei half mir mein Therapeut. Auch wenn ich nach der Therapie noch viel an mir arbeiten musste und auch heute noch darauf achten muss, nicht wieder in die Angstspirale zu geraten, bin ich sehr froh, den Rat meines Mannes seinerzeit angenommen zu haben. Auch das Lösen von einigen Lebens-konflikten hat mir ein selbstsicheres Leben beschert und wenn es auch ein hartes Stück Arbeit war, so war es die jahrelange Mühe wert. Rückblickend kann ich behaupten, dass mir die kognitive Verhaltenstherapie sehr gut geholfen hat und ich bedaure es noch heute, dass ich sie nicht schon viel eher begonnen habe. Denn...je fester sich die Ängste manifestieren, umso schwieriger und zeitintensiver ist es, sich von ihnen zu befreien. 

Autorin: ohne Namensnennung

 
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