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  • Talk am Mittwoch "Reizdarmsyndrom - das Tabu muß gebrochen werden.



Bocholter Report: „Was verbirgt sich hinter dem Begriff Reizdarmsyndrom?“

Reiner Müggenborg: „Beim Reizdarm oder Stressdarm liegt eine Störung der Darmfunktion vor. Obwohl bis heute keine organischen Ursachen für das Reizdarmsyndrom gefunden werden konnten, führt die Erkrankung zu einer Reihe von Beschwerden wie z.B.: Bauchschmerzen, Blähungen, Verstopfung oder Durchfall (oft auch im Wechsel), Gefühl der unvollständigen Darmentleerung nach dem Stuhlgang, erhöhte Darmtätigkeit, plötzlicher Stuhldrang - können die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Die Diagnostik ist oft schwierig, weil die Störung mit sehr unterschiedlichen Beschwerden in Erscheinung tritt und damit andere Erkrankungen „nachahmen“ kann. Wichtig ist jedoch, dass Reizdarmpatienten eine normale Lebenserwartung haben und dass ihr Risiko, an einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung oder an Krebs zu erkranken, nicht höher ist als dasjenige der Allgemeinbevölkerung.“

Bocholter Report: „Wie äußern sich diese Beschwerden?“

Reiner Müggenborg: „Bauchschmerzen und –krämpfe gehören zu den häufigsten Symptomen des Reizdarms. Die Schmerzen können überall im Bauch und zeitweise im Zusammenhang mit den Mahlzeiten auftreten. Viele Patienten berichten, dass ihre Schmerzen nach der Stuhlentleerung oder nach dem Abgang von Darmgasen nachlassen. Der Reizdarm kann sich auch durch chronische Verstopfung oder durch chronischen Durchfall bemerkbar machen. Bei manchen Patienten wechseln sich Verstopfung und Durchfall ab. Auch ist Schleimausscheidung beim Stuhlgang mögliche Blähungen, ein Gefühl des Aufgetriebenseins und Übelkeit sind weitere Symptome, die auf ein RDS hindeuten können. Manche Patienten haben nach dem Stuhl-gang das Gefühl, dass ihr Darm noch nicht vollständig entleert ist. Wichtig ist, dass beim Reizdarm nicht alle genannten Symptome vorliegen müssen. Auch sind die Beschwerden nicht immer gleich stark ausgeprägt. Nachts treten in der Regel keine Beschwerden auf. Symptome wie Gewichtsverlust, Fieber und Blutbeimengungen im Stuhl sprechen gegen ein Reizdarmsyndrom. Diese Beschwerden können auf eine schwerwiegende organische Erkrankung hinweisen und sollten umgehend von einem Arzt abgeklärt werden. Aber auch Stress, Hektik und ungelöste Probleme oder Ängste verschlimmern oft die Symptome.“

Bocholter Report: „Ist diese Krankheit sehr verbreitet?“

Reiner Müggenborg: „Das Reizdarmsyndrom ist fast so häufig wie eine gewöhnliche Erkältung. Es leiden mehr als ca. 10 % der Bevölkerung an dieser Erkrankung. Am häufigsten ist die Altersgruppe der 30- bis 60-Jährigen betroffen, doch auch Kinder, Jugendliche und Senioren können unter einem Reizdarm leiden. Frauen erkranken häufiger an einem Reizdarm als Männer. Störungen und Erkrankungen, die den Darm betreffen, werden als peinlich empfunden und oft verschwiegen. Deshalb ist die breite Öffentlichkeit auch wenig über das RDS informiert und viele Betroffene versuchen lieber, ihre Beschwerden selbst in den Griff zu bekommen, anstatt einen  Arzt aufzusuchen.“ 

Bocholter Report: „Was sind mögliche Auswirkungen eines Reizdarmsyndroms?“

Reiner Müggenborg: „Zu den möglichen Auswirkungen gehören Depressionen, Angsterkrankungen, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Schlafstörungen, Erschöpfung, herabgesetzte Leistungsfähigkeit und nicht zuletzt die soziale Isolation.“

Bocholter Report: „Was ist zu beachten, sollte der Verdacht einer solchen Erkrankung bestehen?“

Reiner Müggenborg: „Bei Verdacht auf Reizdarmsyndrom sollte der Arzt eine sehr sorgfältige Krankengeschichte (Anamnese) erheben und genau nach den Beschwerden, Ernährungsgewohnheiten, Lebensstil und evtl. psychischen Belastungen fragen. Eine genaue körperliche Untersuchung ist anschließend unbedingt nötig. Hierzu sind aufzuzählen: Verschiedene Blutuntersuchungen, Analyse des Stuhls, Magen- und Darmspiegelung, Ultraschall- oder Röntgenuntersuchung (je nach Art der Beschwerden), Dünndarmbiopsie, um Zöliakie/Sprue auszuschließen. Allergien sollten ausgetestet werden z.B. anhand eines Laktose- und Fructoseintoleranztest (Blutuntersuchung oder H2-Atemtest). Sind organische Erkrankungen ausgeschlossen und hat der Arzt ein   RDS diagnostiziert, sind wiederholte Untersuchungen überflüssig – nur sinnvoll bei Auftritt neuer Symptome.“

Bocholter Report: „Und danach?“

Reiner Müggenborg: „Steht die Diagnose „Reizdarmsyndrom“ fest, sollte die Lebenssituation des Patienten genau analysiert werden. Folgende Faktoren können Linderung beim RDS verschaffen: Stressabbau im Beruf/Familie/Partnerschaft, Abbau von übermäßigen Alkohol-, Nikotin-, Kaffeekonsum. Ausreichende körperliche Bewegung (Ausdauersportarten). Geregelter Tagesablauf. Ausreichender und regelmäßiger Schlaf Ernährungsumstellung (Ernährungstagebuch unter fachmännischer Anleitung) Medikamenteneinnahme (bezogen auf die Symptome). Da psychische Faktoren wie Stress und ungelöste Konflikte Reizdarm-Beschwerden verschlimmern können, ist bei manchen Patienten eine psychotherapeutische Behandlung ange-zeigt. Auch ein Aufenthalt in einer Kureinrichtung kann Linderung verschaffen und den Blick auf neue Lebensperspektiven eröffnen.“

Bocholter Report: „Wie kam es zur Gründung ihrer Selbsthilfegruppe?“

Reiner Müggenborg: „Nachdem ich mich im September 2004 dazu entschlossen hatte, eine eigene Reizdarmselbsthilfegruppe zu gründen, wusste ich zuerst nicht, wie denn Betroffene zu mir finden sollten. Es erschien mir auch etwas schwierig, geeignete Räumlichkeiten zu finden. Durch Zufall wurde ich auf ein altes denkmalgeschütztes Bauernhaus aus dem 17. Jahrhundert aufmerksam. Ich konnte mir sofort vorstellen, dort ein Treffen der Selbsthilfegruppe durchzuführen. Ich hatte im Schaukasten auch schon gesehen, dass bereits eine Diabetikerselbsthilfegruppe dort untergebracht war. Ich fragte dann im zuständigen Pfarrbüro nach, ob ich einen Termin für die zu gründende Gruppe bekommen könnte. Die Anfrage wurde dort freundlich aufgenommen, und wir machten sofort Termine für die ersten beiden Abende. Nun war ich plötzlich viel schneller an Räumlichkeiten gekommen, als ich es mir je vorgestellt hatte. Aber ich musste nun auch zusehen, die Werbetrommel zu rühren, damit Betroffene auch von "meiner" SHG erfahren konnten. Ich verteilte dann in der nächsten Zeit Flyer in allen umliegenden Orten bei den Ärzten und Apotheken. Außerdem hat mir die örtliche Presse durch Veröffentlichung eines umfangreichen Artikels sehr geholfen.“

Bocholter Report: „Sie sind selbst ein Betroffener. Wie äußert sich das Reizdarmsyndrom bei Ihnen?“

Reiner Müggenborg: „Als die Beschwerden 1998 zunächst schleichend mit periodenhaften Beschwerden begonnen haben, wurden diverse Untersuchungen bei mir durchgeführt, die allesamt ohne Befund waren. Die Krankheitssymptome wurden mit Tabletten behandelt, was folglich nicht zur Verbesserung meines Gesundheitszustandes führte. “ 

Bocholter Report: „Was ist Ihnen bei Ihrer Arbeit besonders wichtig?“

Reiner Müggenborg: „Mir liegt sehr am Herzen, eine breite Öffentlichkeit für diese Krankheit zu sensibilisieren und all denjenigen, die unter diesen Symptomen leiden Mut zu machen. Wer denkt, das bisschen Durchfall sei halb so schlimm, irrt sich. Diejenigen, die sich ausführlicher über das Reizdarmsyndrom informieren wollen sind eingeladen, sich im Internet auf unserer Homepage www.selbsthilfe-bei-reizdarm.de zu informieren. Außerdem sind wir - bisher leider vergebens - auf der Suche nach Referenten, die uns ihr fundiertes Wissen über diese Krankheit im Rahmen von Vorlesungen bzw. Vorträgen vermitteln.“

Das Interview führte Report-Mitarbeiter Andreas Kampshoff.

Quelle: Bocholter Report 12.10.2005 / vereinzelte Textpassagen www.solvay.de

 
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